Brief 1

14. August 2016

Die letzten zwei Wochen waren mit Handwerkerarbeiten ausgefüllt. Seit ich hier wohne, bin ich für meine Nachbarn tätig, vor allem bei Elke´s Haus gab es reichlich zu tun: Fundamente betonieren, Erde umgraben und daraus eine Kräutermauer bauen, mit Steinplatten die Basis für Hochbeete vorbereiten, Gemüsekisten basteln usw. In meinem eigenen Haus und Garten blieb vieles liegen, bis mich immer öfter einige Nachbarn fragten, wann ich bei mir das Chaos wegräume. Das gab mir zu denken. Ich bin immer für andere da und auf mich vergesse ich zu schauen. So gab ich mir einen Ruck und drehte des Spieß um. Zwei ganze Wochen lang habe ich nur bei mir gearbeitet: unter dem Balkon die Waschbetonplatten verlegt, den Weg vom Stiegenaufgang zum Keller neu gestaltet, den Platz beim Gemüsebeet komplett gesäubert und geordnet, das alte Restholz geschnitten, damit es im Winter zum Heizen verfügbar ist. Es hat sich verdammt gut angefühlt, meinen Garten so aufgeräumt zu sehen, obwohl durchaus noch viel zu tun ist. Aber ich habe es fertig gebracht, einmal mich selber wichtig zu nehmen und etwas für mich zu tun. Wer immer nur für andere da ist, bleibt selbst auf der Strecke und allein. Elke dachte schon ich wäre auf sie beleidigt, weil ich mich kein einziges Mal bei ihr blicken ließ. Das hat mich nicht einmal gestört.

Dann war ich wieder frei für andere. Mein neuer Nachbar Herbert hat sich hier in der Siedlung ein kleines Häuschen gekauft, das er nun vergrößern will. Er bat mich beim Betonieren des Fundaments zu helfen: Betongitter schleppen, verlegen und mit Draht verknüpfen. Am nächsten Tag kommt der Fertigbeton, ich darf den Rüttler bedienen. Dabei vibriert der ganze Körper von den Zehen bis zu den Schultern. Ich bringe es nicht fertig, mich vor schwerer Arbeit zu drücken, während die jungen Burschen danebenstehen und zuschauen. Am Abend war ich wirklich geschafft und fiel müde ins Bett. In meiner Schul- und Studentenzeit habe ich viele Monate in den Ferien auf dem Bau geholfen, um mir Geld zu verdienen, denn Taschengeld gab es bei uns keines. Auch damals ist mir die Arbeit schon sehr schwer vorgekommen. Daran hat sich nichts geändert.

Diese Woche hatte ich einen Spezialauftrag auszuführen, der einiges an Adrenalin in mein Blut gepumpt hat. Ich sollte eine 15 m hohe Fichte im beengten Garten meiner Nachbarin umschneiden. Da heißt es auf ca. 10 m hinaufklettern, angurten und den 5 m langen Wipfel abschneiden, während der Baum wackelt. Das fordert Kraft, volle Konzentration und erlaubt keinen Fehler. Sieben Stunden später waren ich und die Fichte am Boden und von den Ästen befreit. Es ist unglaublich, welche Menge an Holz, Äste und Zweige so ein Baum hergibt. Bis das alles aufgearbeitet war, vergingen nochmals einige Stunden. Aber zum Schluss war ich nicht bloß müde, sondern vor allem überaus erleichtert, dass ich wieder gesund auf zwei Beinen am Boden stand. Zum feierlichen Abschluss fuhren wir ins Gasthaus und haben fürstlich gegessen. Ich bestellte eine große Portion Schwammerlsauce mit Serviettenknödel und ein kleines Bier dazu. Zu guter Letzt bekam ich auch noch ein Lob, dass ich den kleinen Riesen so „profimäßig“ umgelegt habe. So Spezialaufgaben liebe ich, weil es eine besondere Herausforderung ist und eine besondere Befriedigung bringt, wenn sie vollbracht ist. Über all dem spüre ich Freude und Dankbarkeit, dass ich überhaupt noch so fit bin, damit ich das alles machen kann.